Korrespondentenbericht: Made in China 2025

Welche Auswirkungen wird die Initiative, mit der China endgültig zum Westen aufschließen will, auf den Stahlmarkt haben?

Autor: Fabian Grummes, China-Korrespondent

„Made in China 2025“ – kaum eine andere chinesische Initiative stieß auf einen derart großen Widerhall im Westen. Im Jahr 2015 definierte Peking zehn Schlüsselindustrien, von Landwirtschaftsmaschinen über Roboterbau bis hin zur Biotechnologie, in denen man binnen zehn Jahren die Marktführerschaft übernommen haben und darüber hinaus mindestens 70 Prozent der Kernmaterialen selbst liefern will. Inzwischen ist man vorsichtiger geworden. Zum einen, weil manche Ziele vielleicht zu ehrgeizig formuliert waren und sich abzeichnet, dass man nicht alle erreichen wird können – zumindest nicht bis zum Jahr 2025. Zum anderen aber, weil die ehrgeizigen Formulierungen und Ansprüche des strategischen Plans im Westen Besorgnis hervorriefen.

Konkurrent statt Absatzmarkt

Mit „Made in China 2025“ wurde vielen Politikern und Unternehmen erstmals klar vor Augen geführt, dass China nicht länger alleine Absatzmarkt und Werkbank der Welt sein will, sondern zunehmend ein ernstzunehmender Konkurrent auf dem Weltmarkt wird. Für den Stahlmarkt gilt dies schon. Da China diese Stellung aber nicht zuletzt durch aggressive Produktionsausweitungen und wettbewerbsverzetrende Fördermaßnahmen erreichte, stellt „Made in China 2025“ die chinesischen Stahlproduzenten durchaus vor Probleme, denn es werden nicht nur die Schlüsselindustrien fokussiert.

Mehr Innovation, mehr Wettbewerb

Die Regierung in Peking formulierte gemeinsam mit „Made in China 2025“ auch neun strategische Aufgaben sowie fünf landesweite Initiativen. Man will endlich auf breiter Front zum Westen aufschließen und nicht nur in einzelnen Industriebereichen wie der Produktion von Akkumulatoren für die Autoindustrie oder in Form einzelner Unternehmen wie Huawei. Chinesische Unternehmen sollen insgesamt innovativer werden, mehr Klasse statt Masse produzieren und dies möglichst umweltfreundlich. Eigene Marken sollen mehr Gewicht entwickeln beziehungsweise überhaupt erst aufgebaut werden. Zudem soll auf mehr Wettbewerb gesetzt werden.

Keine Veränderung auf Knopfdruck

Stahlschrott steht in China mittlerweile ausreichend zur Verfügung und auch die Erzpreise lassen den Umstieg attraktiv erscheinen – kurzfristig wird das aber wohl nicht passieren. Quelle: Shutterstock

Damit steht theoretisch auch die Stahlindustrie unter dem Druck, entsprechende Resultate zu liefern. Aber die Umsetzung hochfliegender Pläne ist in der Praxis zuweilen schwierig. Obwohl inzwischen mehr als ausreichend Stahlschrott in China selbst zur Verfügungen stünde und dank der hohen Eisenerzpreise ein Umstieg auch ökonomisch (relativ) günstig wäre, zieren sich Chinas Stahlproduzenten beispielsweise, auf die umweltfreundlicheren und weniger energieintensiven Lichtbogenöfen umzusteigen.

Auch sinken die Überkapazitäten der Stahlproduzenten nicht – im Gegenteil: Sie sind in den vergangenen Jahren sogar noch weiter angewachsen. Dass die Regierung hier radikal eingreifen wird und die Kapazitäten zurückschneidet, ist nicht zu erwarten. Dem stehen nicht zuletzt die – trotz einiger großer Fusionen in der jüngeren Zeit – bestehende Zersplitterung des Sektors entgegen sowie die Gegensätze zwischen den großen Stahlproduzenten in staatlicher Hand, den primär privat organisierten mittelständischen Stahlwerken und den jeweiligen Regierungsebenen (Kommunen, Provinzen und Peking). Auch den Schwenk in Richtung mehr Wettbewerb, also Subventionsabbau und Marktöffnung, wird Peking nur mit angezogener Handbremse vollziehen können. Nicht nur drückt der Handelskrieg, auch die konjunkturelle Lage ist mehr als trübe: China erwartet das niedrigste Wirtschaftswachstum seit 27 Jahren. Da wird die Regierung nicht mehr Druck als nötig auf die chinesische Wirtschaft ausüben wollen. (Grummes)

Der für Sie kostenfrei zur Verfügung gestellte Bericht unseres China-Korrespondenten Fabian Grummes  sowie weitere spannende und wissenswerte Inhalte rund um den Werkstoff Stahl finden Sie in der Ausgabe 11/2019 von stahl und eisen.

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