Der erste EUROMETAL World Steel Distribution & SSC Summit war gut besucht. Foto: WSDer erste EUROMETAL World Steel Distribution & SSC Summit war gut besucht. Foto: WS

Großes Treffen der europäischen Stahldistribution

EUROMETAL lud zum ersten internationalen World Steel Distribution & SSC Summit

Was die Stahldistributeure, Stahl-Service-Center und Trader in Europa bewegt, war Gegenstand eines erstmals veranstalteten internationalen EUROMETAL World Steel Distribution & SSC Summit Mitte Mai 2017 in Düssseldorf. Geladen hatte der europäische Verband für die Distribution von Stahl, Rohr und Metall, EUROMETAL.

Trends auf den Stahlmärkten

Einen makroökonomischen Überblick gab zunächst Prof. Dr. Roland Döhrn, vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Europas Stahlsektor steht seiner Ansicht nach vor großen Herausforderungen: Überkapazitäten und die Notwendigkeit von Restrukturierungsmaßnahmen sind ein Teil davon. Zu beobachten ist aber auch ein sinkender spezifischer Stahleinsatz aufgrund technologischer Veränderungen wie z. B. der Elektromobilität. Hinzu kommt die Überlegung, wo sich die Stahl verarbeitende Industrie in Zukunft ansiedeln könnte – z. B. aufgrund von Verschiebungen der globalen Nachfrage oder auch wegen protektionistischer Maßnahmen. Zudem machen die Stahlimporte Sorgen, woran eben nicht nur China, sondern auch Drittländer beteiligt sind, betonte Döhrn. Die Investitionsdynamik sei immer noch schwach und zu hinterfragen (Ende eines Innovationszyklus, veränderte Produktionsprozesse durch Digitalisierung etc.). Es gebe immerhin Grund zum Optimismus, zumindest auf der Nachfrageseite. Zuletzt war eine Belebung der Stahlproduktion zu beobachten und die niedrigen Zinsen könnten Investitionen unterstützen. Auch der Bausektor befindet sich in guter Verfassung.

Quelle: Grafik nach Daten von EUROMETAL, Erhebung 2015

Stahl hat den längeren Atem

Nach Einschätzung von Dr. Henrik Adam, CCO von Tata Steel in Europa, stecken im Stahl nach wie vor große Chancen. Dank seiner hervorragenden Eigenschaften wird Stahl in den kommenden Jahren immer neue Anwendungsbereiche erschließen. Dies zeigt sich vor allem in der Schlüsselindustrie Fahrzeugbau. Langfristig werde dort vor allem Stahl verwendet, da dann Lebenszyklus, Preis und Haltbarkeit in den Fokus gerieten. Tata Steel geht davon aus, dass gesellschaftliche Vorstellungen und Erwartungen einen zunehmenden Einfluss auf den Materialeinsatz bei der Gestaltung von Kraftfahrzeugen haben. Dies habe sich bereits in der Vergangenheit gezeigt. Im Zeitraum von 2000 bis 2015 sei der Einsatz von Nichteisenwerkstoffen begrenzt gewesen. Für die Jahre 2015 bis 2025 prognostiziert Tata Steel einen steigenden Einsatz von Nicht-Eisen-Werkstoffen und kohlenstofffaserverstärkter Kunststoffe sowie das Aufkommen von Materialmix-Lösungen. Diese »Multi-Material «-Fahrzeuge aus verschiedenen Werkstoffen dürften zwischen 2025 bis 2035 vermehrt auf den Markt kommen. Ab 2035 sollte der Lebenszyklusansatz die Konstruktion bestimmen und den Einsatz von Stahlerzeugnissen begünstigen – zum Nachteil der kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffe.

Strukturwandel auf dem globalen Stahlmarkt

Über die Zukunft der Stahlunternehmen werden einige Trends auf den Stahlmärkten entscheiden; so schwenkt z. B. China in eine neue verlangsamte Wachstumsphase ein. Dies erläuterte Dr. Edwin Basson, Generaldirektor des Weltstahlverbands worldsteel. Für die globale Nachfrage nach Stahlfertigerzeugnissen rechnet er in diesem Jahr mit einem Wachstum um 1,3 % auf 1.535 Mill. t und 2018 um 0,9 % auf 1.548 Mill. t. In der EU sei ein Anstieg um 0,5 % auf 158 Mill. t, im kommenden Jahr um 1,4 % auf 160 Mill. t zu erwarten. Die Stahlmärkte müssen Herausforderungen und Chancen bewältigen, die durch eine Reihe von sogenannten Megatrends entstehen. So breitet sich das Konzept der Kreislaufwirtschaft (Minderung, Wiederverwendung, Wiederverarbeitung, Recycling) weiter aus, wodurch z. B. die Schrottversorgung und -verarbeitung günstiger wird. Dadurch sinkt die Stahlintensität weiter, Stahl enthaltende Produkte leben länger und werden weniger häufig nachgefragt. Zudem wird Industrie 4.0 die Stahlmärkte signifikant verändern. Alternde Gesellschaften, langsamer steigende Bevölkerungszahlen, Urbanisierung, die Entstehung von Mega- und Smart-Cities seien weitere Beispiele. Der Energiebedarf steige, wobei Erneuerbare Energien in den Vordergrund rücken. Die Stahlintensität schwenkt also in einen Abwärtstrend ein. Nichtsdestotrotz bleibe Stahl unverzichtbar für Wirtschaft und Gesellschaft, so Basson. Bestimmten Regionen der Welt könnten sich zur Fertigungsdrehscheibe entwickeln und verschiedene Schwellenländer könnten ihre Fertigungsbasis mehr als erforderlich ausbauen. Beispielsweise seien die Türkei im Bereich der Metallprodukte und Haushaltsgeräte sehr aktiv, für Thailand, Tschechien und Mexiko gelte dies im Automotive-Sektor.
Langfristig wird nach Einschätzung des worldsteel-Generaldirektors die Nachfrage nach Stahlfertigerzeugnissen bis 2035 rd. 1,869 Mrd. t erreichen und die Rohstahlproduktion auf 2,055 Mrd. t steigen. Die gegenwärtig installierten Kapazitäten in Höhe von 2,390 Mrd. t seien ausreichend, um die Nachfrage bis 2035 zu decken. Stahl bleibt der wichtigste Werkstoff im Rohmaterialbereich, versicherte Basson. Die Industrie wird aber weiter von globalen Einflüssen gesteuert: Langfristig überlebt nur, wer sich im globalen Wettbewerb behaupten kann.

Ein ausführlicher Artikel ist in »stahlmarkt« 8.2017, S. 10 bis 13, erschienen.

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