stahlmarkt 12.2017

Investitionsbedarf nicht unterschätzen

Der deutsche Stahlhandel steht vor einer Reihe von strategischen Herausforderungen, hieß es auf dem Stahlhandelstag 2017 in Darmstadt und auf dem MBI Stahl Tag in Frankfurt. Digitalisierung, Investitionsbedarf, Margendruck und steigender Wettbewerb sind nur einige Themen, die der Industrie Sorgen bereiten. Branchenkenner sehen besonders für kleine Händler, die weder den hohen Investitionsbedarf stemmen, noch die Nachfolge in der Unternehmensführung regeln können, in Schwierigkeiten.

Erschienen in »stahlmarkt« Ausgabe 12.2017, S. 28.

Im Folgenden eine Grafik zur Marktversorgung zum Download (Mausklick rechts)

Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director der Bereiche Industrials, Automotive & Services bei der IKB Deutsche Industriebank AG, rechnet deswegen mit einer zunehmenden Konsolidierung im deutschen Stahlhandel. Der Experte prognostizierte während des MBI Stahl Tages 2017 in Frankfurt/Main und des BDS-Stahlhandelstages 2017 in Darmstadt, dass sich immer mehr Stahlhändler mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsabläufe befassen müssen. Sie stehe nämlich erst am Anfang einer dynamischen Entwicklung, die aller Voraussicht nach von den Kunden gefordert und vorangetrieben werde.

Größe und Produktpalette entscheiden über Wohl und Wehe
Wichtigstes Überlebenskriterium wird die strategische Größe. Büchner rechnet langfristig mit einer Zweiteilung des Marktes. Auf der einen Seite existieren global tätige Großhändler, die weltweit einkaufen. Auf der anderen Seite arbeiten kleine und flexible lokale Anbieter, die die Versorgung der mittelständischen Kunden in der Region übernehmen. Alle Unternehmen, die sich zwischen diesen beiden Polen befinden, müssten sich Büchner zufolge verändern. Um die Stellung im Markt zu halten, bedürfe es hoher Flexibilität und es sei individuelles Eingehen auf Kundenwünsche gefragt. Außerdem sollten die Stahlhändler ein unverwechselbares Angebot vorhalten und sich vom Wettbewerb positiv absetzen. Für die Erweiterung des Dienstleistungsangebotes müssen Unternehmen aber über viele Jahre hinweg tief in die Tasche greifen. Für kleine und mittelgroße Unternehmen empfiehlt Büchner als ersten Schritt zur Zukunftssicherung die Anarbeitung. Langfristig überleben könnten Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 50 und 500 Mill. € aber nur als Problemlöser für die wichtigsten Kunden. Zudem müssten alle Stahlhändler wegen der zunehmenden Globalisierung steigende Logistikkosten einplanen. Die Verschärfung der Rahmenbedingungen führt unweigerlich zu einem stärkeren Wettbewerb im Stahlhandel. Dies reduziert die Möglichkeit, Kostensteigerungen an Endkunden weiterzureichen. Da auch der Wettbewerb auf Endkundenseite anzieht, geben diese ihren eigenen Druck gerne an die Lieferanten weiter. Aus diesen Gründen hält Büchner eine weitere Konsolidierung im Stahlhandel für sehr wahrscheinlich. Zudem würden weitere Übernahmen, Zusammenschlüsse oder Geschäftsausgaben erfolgen, weil viele mittelständische Familienunternehmen keine Nachfolger fänden.

Die Digitalisierung schreitet fort
Bei der Digitalisierung dürften vor allem die großen Unternehmen in die Vorreiterrolle gehen, die ausreichend Geld zur Verfügung hätten und denen die hohen Vorlaufinvestitionen nicht das Genick brechen würden. Dieser Trend könnte auch in einer Anteilsverschiebung im Direktvertrieb der Stahlindustrie mit Großkunden und Schlüsselkunden der führenden Stahlhändler münden. Zu dem erhöhe sich der Konsolidierungsdruck. Die Digitalisierung bietet Stahlhändlern Büchner zufolge aber auch Chancen. Gelingt es ihnen, mittels intelligenter digitaler Vertriebswege zu den Stahlherstellern aufzuschließen, die beispielsweise europaweit über die Hälfte der beschichteten Flachstahlprodukte auf sich vereinen, könnten die Händler den Verlust weiterer Marktanteile verhindern. »Denn das Interesse an mittelgroße Kunden direkt zu liefern ist bei den Standardprodukten überschaubar«, sagte der Analyst.

Erzeugung von Rohstahl steigt immer weiter
Der Branchenexperte sieht aber auch Grundlagen und Umstände, die sich positiv auf die Geschäfte der Stahlhändler auswirken. So rechnet er in den kommenden Jahren mit einer kontinuierlichen Steigerung der globalen Rohstahlerzeugung. Auch der Nickeleinsatz dürfte sich erhöhen – vor allem aufgrund der hohen Nachfrage der Rostfreierzeuger. Die Erzeugung von nichtrostendem Stahl sieht der Experte ebenfalls in den kommenden Jahren positiv. China werde weiterhin den Löwenanteil liefern.

Impressionen vom Stahlhandelstag

Stahlhandelstag verpasst? Mehr finden Sie hier in einer Slide-Show, mobil zusammengestellt und kurz (1 min).

171205739