Lieferant und Kunde spielen ein Duett – per Digital Twin

ArcelorMittal setzt die Digitalisierungsstrategie entlang der Lieferkette fort

Stahlproduzent ArcelorMittal hat kürzlich seine aktuellen Projekte zum Thema Industrie 4.0 vorgestellt. Dazu erklärte Rudolf Egbert, Geschäftsführer ArcelorMittal Commercial Germany, dem »stahlmarkt«: »Wir arbeiten gerade daran, die bestehenden Möglichkeiten der digitalen Lieferkette partnerschaftlich mit unseren Kunden weiter zu entwickeln und neue einzubringen, um individuelle Lösungen voranzutreiben.«

Das Wettbewerbsumfeld auf dem Stahlmarkt habe sich in den vergangenen Jahren signifikant geändert. »Die Stahlindustrie in Europa muss sich gegenüber der Konkurrenz aus Fernost über ihr Produkt- und Leistungsspektrum besser differenzieren«, betonte Egbert. Das gelte nicht nur für die Produkte und deren Eigenschaften, sondern auch für die Service-Eigenschaften.

Lange noch seien die alten Geschäftsmodelle aufrechterhalten worden, nach denen die Lieferkette wie folgt funktionierte: Der Kunde kauft Stahl. Er wartet die Lieferung ab und lagert dann ein. Der Vertrieb verkauft aus dem vorhandenen Bestand. »So funktioniert heute aber keine moderne Lieferkette mehr«, bringt der ArcelorMittal-Manager es auf den Punkt.

»Für uns ist der Digital Twin der erste Schritt, um nun auch Industrie 4.0 in eine Kunden-Lieferanten-Beziehung zu übertragen.«

Rudolf Egbert, Geschäftsführer, ArcelorMittal Commercial Germany

Rudolf Egbert, Geschäftsführer, ArcelorMittal Commercial Germany, Foto: ArcelorMittalRudolf Egbert, Geschäftsführer, ArcelorMittal Commercial Germany, Foto: ArcelorMittal

Der Digital Twin als Kommunikationsmedium

Die »Supply Chain« spielt sich zukünftig anders ab: Wenn ArcelorMittal-Kunden einen Auftrag von ihren eigenen Kunden erhalten, kontaktieren sie ihren Stahllieferanten und vereinbaren mit ihm, welches und wieviel Vormaterial wann benötigt wird. Über einen Digital Twin tauschen Kunde und Lieferant dann fortlaufend Informationen aus. »Letztlich ist der digitale Zwilling eine Art gemeinsame Material-, Produkt- und Prozessdatenbank, auf die beide Seiten gleichzeitig zugreifen können«, unterstreicht Egbert. In dem Augenblick, in dem der Kunde Stahl verkauft, muss er das Coil bei ArcelorMittal erwerben. Im gleichen Moment, in dem der Kunde wiederum an seinen Kunden das Angebot platziert, erhält er zeitgleich schon das Coil vom Stahlhersteller – dies wird jedoch nicht physisch geliefert.

»Bei den Digital Twin handelt es sich um ein virtuelles Coil, das der Kunde von uns als Lieferzusage bekommt«, erklärt Egbert. Dieses enthält die Information, dass das Coil zu einem bereits fest vereinbarten Zeitpunkt in gegebener Qualität und Menge zur Verfügung stehen wird. Der Digital Twin wird fortlaufend mit Informationen über den Produktionsprozess gefüttert, sodass das Coil schlussendlich für den Kunden keine Überraschung mehr ist, sondern bereits über den Zeitraum einiger Wochen beschrieben wurde.

»Der Digital Twin ist ein Kommunikationsobjekt, eine Art gemeinsame Datenbank, auf die Kunden und Lieferanten gleichzeitig zugreifen können.«

Voraussetzung ist, dass der Kunde über den Digital Twin bereitwillig mit dem Lieferanten Daten austauscht. Denn der Austausch verläuft bidirektional. Auch der Kunde kann dem Digital Twin melden, wenn sich z. B. die benötigte Menge ändert oder der erforderliche Liefertermin verschoben werden kann. »Der Digital Twin ist ein Kommunikationsobjekt über beide Seiten«, erklärt Egbert.

»Mit dem Digital Twin erreicht Industrie 4.0 nun auch den Stahlhandel.«

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Die App »Steel Advisor« unterstützt bei der Produktauswahl und hilft, die geeignete Stahlsorte zu finden. Foto: ArcelorMittal
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Die App »Steel Advisor« unterstützt bei der Produktauswahl und hilft, die geeignete Stahlsorte zu finden. Foto: ArcelorMittal

Der Zwilling wurde im Laufe der Zeit so gestaltet, dass er den Kundenanforderungen 100%ig entspricht. Andersherum gesagt: Er entspricht nicht mehr dem Zustand, wie ihn sich der Kunde anfänglich erdacht hatte. »Der Digital Twin hat sich mit den Gegebenheiten von beiden Seiten mitentwickelt «, so der ArcelorMittal-Manager. Der digitale Zwilling ist dann keine Überraschung mehr.

Für die ArcelorMittal-Abnehmer, speziell Stahl-Service-Center, dürfte dies erhebliche Vorteile haben, denn sie können ihre Vorräte deutlich reduzieren. Es sind keine Sicherheiten bei den Bestellfristen mehr nötig. Auch das Vertrauen wird erheblich steigen: Durch den Digitalen Zwilling weiß jeder, wie am Ende das Ergebnis aussieht.

Erschienen in »stahlmarkt« Ausgabe 2.2018, S. 28 ff.

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