»Wir dumpen nicht!« – Interview mit Frank Harms

»Letztlich zahlen die Endkunden die Zeche.«

Frank Harms

Sie lesen im Folgenden einen Auszug aus dem Interview mit Frank Harms, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahlrohre e.V. und der Fachvereinigung Stahlflaschen e.V. in Düsseldorf.

Der Artikel ist in vollem Umfang in »stahlmarkt« 3.2018, S. 28/29 abgedruckt.

Frank Harms Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahlrohre e.V. und der Fachvereinigung Stahlflaschen e.V. in DüsseldorfFrank Harms Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahlrohre e.V. und der Fachvereinigung Stahlflaschen e.V. in Düsseldorf

Hintergrund:

Das US-Department of Commerce (DoC) hat im Jahr 2017 die Einfuhren bestimmter Stahlrohrsorten in die USA untersucht. Am 16. November teilte das DoC mit, dass im Zuge der Untersuchungen erhebliche Dumpingtatbestände festgestellt worden seien. Die Einfuhren aus mehreren Ländern seien gedumpt und würden die US-Hersteller schädigen.

Weiter heißt es, es werde daher die Notwendigkeit gesehen, die Rohrproduzenten in den USA gegen diese Wettbewerber aus dem Ausland zu schützen. Daher würden zunächst vorläufige Strafzölle gegen Einfuhren bestimmter kaltgefertigter Stahlrohre von Herstellern aus der Volksrepublik China, Deutschland, Indien, Italien, Korea und der Schweiz festgesetzt. Dazu äußerte sich Frank Harms, Geschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Stahlrohre e.V. gegenüber dem »stahlmarkt«.

1. Herr Harms, welche Produkte stehen im Fokus der Maßnahmen und wer hat geklagt?

Betroffen sind kalt gefertigte Präzisionsstahlrohre aus unlegierten und legierten Kohlenstoffstählen mit kreisförmigem Querschnitt, ab einer Länge von rd 300 mm und mit Außendurchmessern von bis zu 330 mm.

2. Welche Maßnahmen hat das DoC bekannt gegeben?

Das DoC hat für die untersuchten Länder je nach Hersteller vorläufige Strafzölle in Höhen von 5 % bis zu über 200 % festgesetzt. Endgültige Maßnahmen sollen bis zum 3. April 2018 bekannt gegeben werden.

3. Es sind also in den untersuchten Ländern nicht alle Hersteller gleichermaßen betroffen?

Das DoC hat bei der Festsetzung der vorläufigen Maßnahmen nach Ländern und nach Herstellern unterschieden. Die Kriterien, nach denen die Strafzölle festgelegt wurden, sind schwer oder gar nicht nachvollziehbar.

4. Wie sind diese Maßnahmen zu bewerten?

Es steht außer Frage, dass wenigstens die beklagten Unternehmen aus Deutschland und der Schweiz weder staatlich subventioniert werden noch zu Dumpingpreisen auf dem amerikanischen Markt anbieten oder liefern. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie aus einem »High Cost Country« wie Deutschland oder der Schweiz mit hohem Lohnniveau, deutlich höheren Energiekosten und einem erheblichen Transportkostennachteil über den Atlantik ein nachhaltiges Preisdumping in den USA erfolgen soll. Der Ruf der US-Hersteller nach Schutz vor internationalem Wettbewerb ist insofern nachvollziehbar, als diese wegen lange unterbliebener Investitionen teilweise weit weniger produktiv sind als Hersteller aus dem Ausland. Im vorliegenden Fall dürfte es sich nicht um notwendigen Schutz der US-Hersteller vor unfairem Wettbewerb, sondern um staatlichen Protektionismus unter dem Vorwand einer Antidumpingmaßnahme handeln.

5. Waren die Märkte auf die Maßnahmen des DoC vorbereitet?

Ja und Nein. Aus der Vergangenheit war bekannt, dass die USA nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, ihre Industrie vor internationalem Wettbewerb zu schützen. Insofern waren die Hersteller in Europa wie auch in Deutschland und der Schweiz alarmiert.

6. Inwiefern waren die Betroffenen dann überrascht, obwohl sie doch vorgewarnt waren?

Zunächst ist nochmals festzustellen, dass gerade deutsche Hersteller oder Hersteller aus der Schweiz nicht als Lieferanten gedumpter Produkte bekannt sind. Eher ist das Gegenteil der Fall. Insofern hat die Zuversicht überwogen, dass das DoC keine Schädigung durch unsere Mitglieder feststellen und eher gegen Lieferanten aus z. B. China vorgehen wird. Unsere Mitglieder liefern vor allem Stahlrohre für den Maschinenbau und für die Automobilindustrie, wie etwa Fahrwerksteile und Motorkomponenten in die USA. Es handelt sich hierbei um teilweise höchst anspruchsvolle Produkte, die nicht zu niedrigen oder gar zu Dumpingpreisen, sondern zu marktgerechten und eher hohen Preisen in die USA geliefert werden. Teilweise werden die von unseren Mitgliedern in die USA gelieferten Produkte dort derzeit gar nicht hergestellt. Davon ausgehend, dass nicht nur die amerikanischen Rohrhersteller, sondern auch deren Kunden vom DoC gehört würden, war zu erwarten, dass aufgrund dieses Umstandes keine oder nur marginale Maßnahmen gegen Hersteller aus Deutschland oder der Schweiz für nötig befunden werden.

Teilweise werden die von unseren Mitgliedern in die USA gelieferten Produkte
dort derzeit gar nicht hergestellt.

Frank Harms

7. Wie geht es weiter? Wie reagieren die Verarbeiter in den USA?

Die Verarbeiter in den USA scheinen teilweise wirklich überrascht zu sein. Offenbar wurden diese in das Untersuchungsverfahren nicht in ähnlicher Weise einbezogen wie es z. B. in Europa üblich ist. Insofern könnte es sein, dass dem DoC von den US-Rohrherstellern ein etwas einseitiges Bild vermittelt wurde. Die Preise für die betroffenen Produkte dürften in den USA nun kräftig anziehen. Verarbeiter in den USA, die mangels Beschaffungsmöglichkeit nicht auf inländische Hersteller ausweichen können, gucken buchstäblich in die Röhre.

Werden die vom DoC verhängten vorläufigen Maßnahmen nicht zurückgenommen oder zumindest deutlich korrigiert, schädigen diese nicht nur den Wettbewerb und die Verarbeiter in den USA. Sie stellen dann auch einen deutlichen Rückschlag für den internationalen Dialog dar.

Den vollständigen Artikel finden Sie in »stahlmarkt« 3.2018, S. 28/29.

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