Ziel: Automatisierte Materialdisposition

von Endric Hetterscheid, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML, und Carola Ipsen, Leiterin Controlling Logistik, thyssenkrupp Materials Services GmbH

thyssenkrupp Materials Services GmbH und das Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik haben gemeinsam eine Vorgehensweise zur Identifizierung und Beseitigung von Schwachstellen (Einflussgrößen) im Dispositionsprozess entwickelt. Ziel ist es, eine Standardisierung und somit eine schrittweise Automatisierung des Prozesses zu erreichen.

Der Beschaffungsprozess ist aufgrund der volatilen Marktpreise von den aktuellen Trends auf den Stahlmärkten betroffen. Damit die Handelsunternehmen in der Stahlbranche den Herausforderungen des Marktes hinsichtlich Preis, Qualität und Lieferservice gewachsen sind, ist ein automatisierter Materialdispositionsprozess mit optimaler Leistung erforderlich. Anzustreben ist nicht nur die Optimierung, sondern ebenfalls eine Standardisierung bzw. Harmonisierung dieses Geschäftsprozesses sowie eine Digitalisierung im Kontext von Industrie 4.0.

Ermittlung und Bewertung von Einflussgrößen im Materialdispositionsprozess, ©thyssenkruppErmittlung und Bewertung von Einflussgrößen im Materialdispositionsprozess, ©thyssenkrupp

Abhilfe bei den aktuellen Problemstellungen kann ein von thyssenkrupp Materials Services GmbH zusammen mit dem Fraunhofer-Institut IML entwickelter Ansatz zur schrittweisen Leistungssteigerung des Dispositionsprozesses verschaffen. Bei der Vorgehensweise wurden teilweise Methoden aus der Six-Sigma-Toolbox eingesetzt, um Schwachstellen (Einflussgrößen), die sich negativ auf die Ziele der Disposition (maximale Lieferbereitschaft, minimale Kapitalbindung und Beschaffungskosten) auswirken, zu ermitteln.

Bei nationalen und internationalen ausgewählten Standorten des thyssenkrupp Konzerns wurden für die Bestimmung von Einflussgrößen jeweils eine Geschäftsprozessanalyse und eine Ursache-Wirkungs-Analyse durchgeführt. Hierbei ergaben sich insgesamt 70 Einflussgrößen, die unmittelbar negativen Einfluss auf mindestens eine der drei Ziele der Disposition besitzen. 16 weitere Einflussgrößen wurden durch das Benchmarking und die Kombination der ABC-/XYZ-Analyse identifiziert. Zur Bewertung der Einflussgrößen wurde die Methodik der Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse (FMEA) verwendet.

Durch eine internationale Umfrage mit Fachexperten aus dem Bereich der Beschaffung von thyssenkrupp wurden die ermittelten Einflussgrößen hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit des Auftretens und der Entdeckung sowie ihrer Bedeutung auf die Ziele der Materialdisposition abgefragt. In der Untersuchung diente die Risikoprioritätszahl (RPZ) der jeweiligen Einflussgröße als Maß der Wirkungsintensität. Alle identifizierten Einflussgrößen beeinträchtigen die Leistung der betrachteten Dispositionsprozesse, jedoch können sie durch geeignete Maßnahmen, u. a. aus dem Bereich der Digitalisierung, reduziert bzw. beseitigt werden.

Auszug des Ergebnisrankings der Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse (FMEA) ©thyssenkruppAuszug des Ergebnisrankings der Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse (FMEA), ©thyssenkrupp

Die entwickelte Vorgehensweise ist auch auf weitere Unternehmen im Bereich Handel mit Werk- und Rohstoffen ohne Weiteres adaptierbar, indem das jeweilige Unternehmen Einflussgrößen, die sich negativ auf die Ziele der Materialdisposition auswirken, durch die verschiedenen Analyseinstrumente identifiziert und Handlungsfelder mit Maßnahmen ableitet. Besonders die Maßnahmen im Kontext Industrie 4.0 können den Unternehmen im Werk- und Rohstoffhandel weitere wesentliche Nutzenpotenziale für ihre Dispositionsprozesse aufdecken.

Erschienen in »stahlmarkt« Ausgabe 2.2017,S. 36-38.

Handlungsfelder mit ausgewählten Digitalisierungsmaßnahmen, ©thyssenkruppHandlungsfelder mit ausgewählten Digitalisierungsmaßnahmen, ©thyssenkrupp

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